Nik Linder ist eine echte Wasserratte: Apnoeweltrekordhalter (er tauchte mit einem Atemzug 108 Meter unter Eis), Trainer und Coach von Freitauchwettkämpfen. Ich sprach mit ihm über seine Entwicklung, Atemtechniken und sein neues Buch.

Du hast als Versicherungskaufmann gestartet, das war wohl zu „trocken“. Wie kamst du dann zum Apnoesport?
Der Job hat mich erdrückt. Die Räume, die Strukturen… das war keine Erfüllung. Ich wollte mein eigenes Ding machen und mir mehr Freiheiten geben. Ich habe in der Zeit viele Sportarten ausprobiert, wie z.B. Baseball, Ringen, Fußball und Turnen. Letztendlich hat mich das Wasser stets umgeben. Ich habe sehr früh mit dem Schwimmen angefangen, wobei mir das Streckentauchen am meisten gefallen hat. Das war zwar kein Sport, keine Disziplin, sondern etwas was mir gut getan hat. Dann wurde es konkreter: Ich habe eine Tauchlehrerausbildung im Tauchcenter Freiburg gemacht. Dort etablierte ich ein Schnorcheltraining. Von Woche zu Woche wurden die Kurse immer voller, das Interesse stieg wahnsinnig schnell an. Daraus entstand dann eine Apnoegruppe.

Nik Linder beim Eistauchen. Foto: Holger Hambrecht

Welche Personen besuchen deine Apnoekurse? Ich kann mir vorstellen, dass es sich zum Stressabbau eignet, von den negativen Gedanken zu befreien.
Jein. Im Freediving sieht jeder Teilnehmer etwas anderes: Wellness, Yoga, sich treiben lassen, Meditation. Andere wiederum sehen einfach den Sport und das messbare Ergebnis. Manche setzen sich derart unter Druck, da sie ihre Leistung immer mehr steigern wollen, um die Luft länger anzuhalten und nie Zufrieden sind. Für diese ist wiederum der Relaquakurs gut. (Anmerkung= Relaqua setzt sich aus den Worten Relax und Aqua zusammen).

„Nur wer entspannt bei sich ist, ist klar.“

Beim Apnoe ziehen wir Ideen aus Yoga, progressiver Muskelentspannung und Meditation heraus, um Leistung zu bringen. Relaqua ist ein Ableger davon, den ich kreiert habe. Da ist die Entspannung das Endprodukt. Es gibt keine Uhr, es wird nichts gemessen, es geht hierbei nur um die Tiefenentspannung. Alle Punkte vom Freediving und Relaqua laufen zusammen. Es geht immer darum entspannt abzutauchen. Nur wer entspannt bei sich ist, ist klar.

Nik Linder in der Steinstadt Petra, wo er einen Pranayamakurs im Rahmen der Dive Challenge gab. Foto: Alena Zielinski

Wie haben dich deine Entspannungsübungen verändert?
Früher war ich sehr schnell aufgebraust. Das kann ich mir jetzt gar nicht mehr vorstellen. Heute sagen Leute zu mir: „Mensch Nik, du bist immer so entspannt!“ Das ist für mich ein großes Kompliment, weil sich das über die Jahre entwickelt hat. Durch meine Techniken bin ich in der Lage mich zu entspannen, zu vitalisieren und das setze ich tagtäglich ein. Für Apnoetaucher ist die Kernkompetenz nicht, möglichst weit, lang und tief zu tauchen, sondern auf dem Punkt entspannen zu können.
Wenn ich einen Rekord aufgestellt habe, zuvor am Eisloch saß, um mich herum Kamerateams standen, dann war es die große Herausforderung zu entspannen, um sich auf das Wesentliche zu konzentrieren.

Apnoetraining in der Türkei mit J-Dive. Foto: Alena Zielinski

Wie besiegt man den inneren Schweinehund?
Zuerst ist es wichtig, dass es einem Spaß macht und man natürlich am Ball bleibt. Man darf keine wochenlangen Pausen machen, dann ist die Wirkung wieder weg. Man muss es in seinen Tagesablauf einfließen lassen. Anfangs könnte man den Morgen mit 10 minütigen Atemübungen starten, anstatt 10 Minuten länger zu schlafen. Eines Tages bist du drin, dann bist du in der Lage, zu jeder Zeit, an jedem Tag Stress zu erkennen und weg zu atmen.

Inzwischen ist Yoga Teil meiner täglichen Routine geworden. Seitdem ich das mache, bin ich so viel entspannter, weniger impulsiv und meine lästigen Schlafstörungen sind auch verschwunden.

Jetzt ist dein neues Buch „Apnoe & Meditation“ erschienen. Worum geht es da?
Ich habe es mit dem Journalisten und Fotografen Phil Simha geschrieben. Ich bringe die Erfahrung mit, er bringt sie Sache auf den Punkt. So entstand ein gemeinsames Buch, welches leicht zu lesen ist. Wir erklären, wie ihr Alltagsstress mit einfach Übungen bewältigen könnt. Wir kombinieren Entspannungsübungen des Yoga mit der Atemtechnik des Apnoetauchens. Fotos und über QR-Codes einsehbare Videos veranschaulichen alle vorgestellten Übungen. Es ist geeignet für  „gestresste“ Anfänger, aber auch für erfahrene Apnoetaucher, die sich neue Trainingsimpulse herausziehen können.

Im YogaJournal Juli 2016 war mein Artikel „Atempause“ über Nik Linder zu lesen.

Nik in Ägypten. Foto: Alena Zielinski

Apnoetraining in Jordanien, im Rahmen der Dive Challenge

Auftauchen in der Türkei. Foto: Alena Zielinski